Auszug aus dem Roman
Vom Grillen und verschiedenen Störfällen (2008)
von Nihad Hasanović


ERSTER TEIL


Dort in Jütland,

In den alten Pfarreien, wo sie die Menschen töten,

Werde ich mich verloren fühlen,

Unglücklich und zu Hause.

Seamus Heaney, Der Mann von Tollund


Man sah, dass er die Grundlagen des Ruderns beherrschte: er zeigte zwar eine gewisse Unsicherheit beim Steuern und hielt das Ruder linkisch, aber er glitt im Großen und Ganzen geradlinig durch das Wasser und hielt den schaumig-blasigen Strömen am Fuße des Wasserfalls problemlos stand, Als er aber auf das Festland zusteuerte, begann er sich zu verhalten, als würde er nicht ein Ruder, sondern ein glühendes Zepter in seinen Händen halten, das er nicht fallen lassen will. Er verlor die Kontrolle über das Boot, das sich besser auf Seen machte als auf einem launenhaften Karstfluss. Er schlug panisch mit dem Ruder in das Wasser, um den Bug auszurichten. Das lächerliche, gelbe Gummiboot, in dem er kaum stehen konnte, rotierte nur noch schneller um seine Achse.


Auf den ersten Blick schien es, dass es dem jungen Mann Freude machte, dass es ihm nicht gelang, das Wasserfahrzeug zu steuern und dass er die komischen Situationen, in die er durch seine Ungeschicklichkeit geraten war, genoss. Das war schlechte Schauspielerei. Das Gejauchze klang falsch und niemand nahm die Panikmache ernst, da sie wussten, worum es sich handelt: um einen Mann in den späten Zwanzigern, dessen Geschrei seinem Alter nicht angemessen war. Es war offensichtlich, dass er dem Publikum am Ufer der Una eine Vorstellung gibt und dass er sie zum Lachen bringen und für sich gewinnen will. Die Ausbeute war schwach: die einen verfolgten gleichgültig das Affentheater des Ruderers, die anderen bemitleideten ihn lächelnd oder schlugen sich an die Stirn und schämten sich für ihn... Dies waren die Reaktionen der Runde, die Erol auf seinem Anwesen direkt an der Flusswindung mit Ausblick auf ein paar Inseln in der Ökokrise und einen sinnlichen Wasserfall auf der entgegen gesetzten Seite um sich versammelt hatte.


Der klein geratene, gedrungene Bursche mit Haaren auf der Brust machte das Boot am Stamm der Trauerweide fest. Er stieg die Treppenstufen aus Schienenschwellen hinauf. Erol freute sich, dass er gekommen war. Er kannte ihn flüchtig, ebenso wie seinen Vater, der genauso wie er zu einem Spottpreis ein Stück Land in diesem verlassenen serbischen Dorf gekauft hatte. Er wusste, dass den jungen Mann ebenfalls Ängste plagten und vielleicht war genau dies der Grund, warum er ihn so besonders herzlich begrüßte. Er lud ihn ein, mit ihnen zu essen, was der Gast ohne Umschweife annahm.


Nur zwei von Erols Arbeitern bemerkten den Neuankömmling. Sie standen auf einer Anhäufung von Steinmassiven und testeten ihre Kräfte. Ihr Arbeitgeber hatte geplant, mit den Steinen das Flussufer zu bestärken, das durch die Überflutungen im Frühjahr und Herbst wegbrach; diese Schutzbegrenzung sollte er mit einer Erdschicht abdecken und eine Reihe Erlen pflanzen. Aber die beiden schienen die Pläne des Chefs durchkreuzen zu wollen. Sie drängten das Massiv aus reiner angetrunkener Ausgelassenheit Richtung Fluss. Ihre Schreie wurden mit jedem neuen Abstoß rasender, und die Erregung wuchs bei jedem Widerhall der umliegenden Berge. Die riesigen Steinbrocken kullerten krachend den Abhang hinunter, plumpsten in den Fluss und sanken in die durchsichtigen Tiefen. Das Duett brüllte vor Freude. Ihr grundloses Handeln erheiterte die Runde am Tisch. Auch Erol, der den Gast aus dem Boot fragte, wie es ihm geht, lächelte. Er zwang sich zu sagen: „Hey, geht’s euch noch gut... “ und machte sich wieder daran, die Hähnchenflügel zu rupfen. „Wen beschäftige ich da bloß in meiner Firma...“ murmelte er.


Obwohl es der erste Mai war, hatten sie beschlossen, sich nicht an die Sitten zu halten und kein Lamm zu schlachten. Stattdessen beschränkten sie sich darauf, zu grillen, da dies weniger Mühe machte: kein Schlachten, kein Fellabziehen, keine Plackerei mit dem Spieß. Die Ćevapčići, die Erol aus Travnik mitgebracht hatte, hatten sie schon heute Morgen bei der ersten Runde aufgegessen, Danach kamen Koteletts, Fleischspieße, Geflügel und scharfe Würstchen auf den Esstisch, wobei aus letzteren beim Eindrücken der Gabel ein Fettstrahl aufschoss.


Selver hatte keinen Grund zur Freude bei diesem Festessen — er war Vegetarier. Bald stieg vom Tisch der Duft nach heißen, im eigenen Saft gegarten und mit Petersilie und Knoblauch gewürzten Forellen auf. Er drehte sich nervös zu den Fischen und dem Amerikaner um, der sie mit Zitrone beträufelte. Er wusste selbst nicht, warum er das Gesicht verzog: weil sie das aßen, worauf er verzichtete oder weil er auf das verzichtete, was sie aßen. Er ertappte sich selbst auf frischer Tat: wie er genüsslich die mit Grillrauch geschwängerte Luft einatmete und wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Trotzdem wurde er nicht schwach. Er füllte die Champignons mit Gouda, gab Jedem ein Blatt wilder Minze hinzu und würzte sie mit seiner selbst kreierten Gewürzmischung. Er setzte die Pilze in den aus Aluminiumfolie angefertigten Behälter. Dann deckte er den Behälter ab und legte ihn auf die Glut, Aber egal wie schmackhaft dieses Gericht war, konnte es einem Mann, der sich dem heimischen Bier hingab, dennoch nicht als solide Grundlage herhalten.


Und Šefik bemühte sich, dem Esstisch keine zu große Bedeutung beizumessen. Er war weitaus mehr ein Asket als ein Vielfraß: zugegeben, er gönnte sich einige wenige Bissen Fleischspieß, zog aber den Salat vor. Darüber hinaus machte er sich außerdem nicht viel aus Alkohol. (Zumindest nicht in dieser Zeit. Sonst trank er phasenweise: monatelang rührte er keinen Tropfen an und betrank sich dann wochenlang bis zur völligen Selbstzerstörung.) Er löschte seinen Durst mit Limonaden, wenn schon keiner eine Flasche Bier aufmachte und ihm ungefragt in die Hand drückte, um seine Laune zu heben. Der Alkohol half trotzdem nicht, die Anspannung in ihm zu lösen, die ihn nur selten verließ. Er war nur heute Morgen einigermaßen entspannt gewesen, als er das Grillfeuer angezündet hatte. Er hatte das Kleinholz mit großer Hingabe und peinlicher Genauigkeit zu einem Miniwigwam aufgetürmt. „Dieses Reisig ist wie ein tibetanisches Mandala“, predigte er in Selvers Beisein. „Je mehr Mühe ich mir mit ihm gebe, umso größer wird mein Triumph sein, wenn es vom Feuer verschlungen wird.“ Etwas später fanden sie ihn einsam in die Flammen starrend, die um die trockenen Zweige und dünnen Bretter züngelten. Sie rissen ihn aus seiner Grübelei. Er überließ es ihnen, sich um das Feuer zu kümmern und entfernte sich von der langen, aus Bohlen zusammengeschusterten Bank. Er setzte sich und sah Selver und Mirela beim Badminton zu. Er mischte sich unwillig in das Gespräch ein, mit einer Zigarette im Mund. Schließlich schlenderte er zu den schattigen kleinen Weiden am Flussufer hinüber. Er schlich um die auf den Wiesen und unter den Obstgärten verstreuten Ausflüglergruppen, Da wurden Karten gespielt und es wurde in der Sonne des ersten Mai, die einen Vorgeschmack auf eine für diese Jahreszeit ungewöhnliche Sonnenhitze lieferte, getrunken und wiedergekäut.


*


Man würde sich an diesen Tag wegen des heißen Windes und des dem Juli entliehenen weiten Himmels erinnern. Es herrschte ein Feiertagsdelirium, von Wind und Himmel noch verstärkt, die Menschen gingen baden, obwohl der Fluss noch zu kalt war, von verschiedenen Seiten hallten die Rufe der badenden potenziellen Rheuma- und Nierenpatienten wider, sie schwangen sich von den Weidenzweigen ins Wasser oder sie sprangen vorn Laufsteg am Ufer, und einige stürzten sich an einen zur Liane umfunktionierten Feuerwehrschlauch klammernd ins Wasser.


Der Amerikaner hielt dem jungen Mann, der mit Frau und Kindern zu Erol gekommen war, einen Vortrag über das Wünschelrutengehen. Er hatte die Gabe von einem entfernten, namenlosen Vorfahren geerbt. Er prahlte damit, auf einem Grundbesitz bei Petrovac mit der Wünschelrute eine Wasserquelle gefunden zu haben. Der Ehemann hörte ihm aufmerksam zu.


„Jetzt kommen alle zu dem Glücklichen, um Wasser holen, you know.“ betonte der Amerikaner stolz in seinem mehligweichen und würdevollen Englisch. Er wohnte in der Wohnung in der oberen Hausetage, die Erol ihm vermietete. In der ersten Woche nach dem Einzug konnte er sich nie richtig ausschlafen. Als erfahrener Wünschelrutengänger stellte er fest, dass das komplette Schlafzimmer der Strahlung unterirdischer Wasserläufe ausgesetzt war. Anstatt die Schlafstätte in ein anderes Zimmer zu verlegen oder einfach umzuziehen, half er sich mit einem Patent, das er selbst erfunden hatte. „Ich habe eine Kupfergabel unter das Bett gelegt und unter Strom gesetzt. Sie erzeugen ein elektromagnetisches Feld, das den schlafenden vor einer negativen Strahlung aus dem Untergrund schützt. Und seitdem leide ich nicht mehr unter Schlaflosigkeit. Früher bauten die Menschen ihre Häuser so, dass sie zuerst die Schafherde zum Grasen auf die Weide trieben. Das Fundament haben sie dann dort errichtet, wo die Schafe sich hinlegten‚ um auszuruhen. Aber auch ein Hund hat ein Gespür dafür: er läuft so lange umher, bis er einen angemessenen Platz für einen ruhigen Schlaf gefunden hat. Man sollte niemals ein Haus bauen, wo es von Ameisen wimmelt, wo Katzen schlafen oder Schlangen liegen. Wenn dort eine Katze schläft, ist es mit Sicherheit a bad place.“ Er nahm einen Schluck aus der Guinness-Flasche. Nur er allein trank es: es kam nicht einmal vor, dass er mit der Hand in Richtung der Verpackung seines Lieblingsbieres zeigte und der Runde einen ausgab. Das wurde ihm von niemandem übel genommen und es hielt ihn auch keiner führ einen Geizhals, wahrscheinlich weil er ein Amerikaner war, und noch dazu ein dicker Amerikaner. Sie wussten, dass er nicht böse werden würde, wenn sich jemand am Guinness vergreifen würde, aber es verstand sich von selbst, dass um die Verpackung eine unsichtbare Grenze des Privatbesitzes gezogen war.


Eine Person lauschte steif vor Neugier, wie das Englisch des Amerikaners sich durch die heiße Luft wälzte. Es war der junge Mann aus dem Boot, Er heftete seinen Blick auf den Dicken und spitzte die Ohren. Seine Augen leuchteten. Er verstand nichts von dem, was er hörte, schnappte vereinzelt ein Wort auf und wiederholte es triumphierend, was einige amüsierte. Schließlich wandte er sich an den jungen Ehemann: „Komm, übersetz mal. Woher kommt er?“


Auf die Frage hin lächelte der Amerikaner den Unwissenden an, darauf achtend, dass das Lächeln nicht überheblich wirkt. Er antwortete ihm, dass er aus einer Einöde in der Prärie stammt und für die humanitäre Hilfe arbeitet. Dies war erst die Einleitung, denn als der junge Mann zu erzählen begann, dauerte das Verhör noch fast eine halbe Stunde. Der Ansturm der Neugier war so groß, dass der Dicke keine Gelegenheit fand, das Würstchen zu essen, das ihn von seinem Teller aus anlächelte. Vor Ungeduld stammelnd erkundigte sich der junge Mann nach den amerikanischen Megastädten: Los Angeles, Chicago, New York...


Aus dem Bosnischen von Veronika Somnitz


[ Neue Literatur aus Bosnien und Herzegowina , Hg. Hana Stojić; Sarajevski Otvoreni Centar/Traduki, 2010]